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Die Alzheimer-
Krankheit

Seiten für Betroffene

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ForgetMeNot.gif The Alzheimer's
Disease

Pages for Caregivers

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Unsere Mutter Anfang der '90er
Meine Mutter

20.Juli 1914 bis 24. Juli 1999
Ihr Leiden: Die Alzheimer-Krankheit
Teil 1 - bis Ende 1997


Die ersten Anzeichen (aus meiner Sicht) ø Die ersten Anzeichen (aus der Sicht meiner Schwester) ø Unser Bruder ø Allgemeines ø "Ich geh' jetzt heim!" oder "Wann gehen wir heim?" ø Wie es weiterging ø Speisen und Geschmackssinn ø Sprache ø Medikamente ø Die Tagespflege ø Ihre Arbeiten und andere Symptome ø Inkontinenz ø Bis Ende November 1997 ø Bis Ende Dezember 1997

zum Teil 2 "1998" ø|ø zum Teil 3 "bis Juni 1999" ø|ø zum Teil 4 "ab Juli 1999 - Mama im Pflegeheim" ø|ø Obduktionsbericht


ForgetMeNot.gif Die ersten Anzeichen (aus meiner Sicht) ForgetMeNot.gif Zum Anfang

Im Falle meiner M. waren es wohl Probleme mit dem Kurzzeitgedächtnis, die sich dadurch ausdrückten, daß M., wenn sie sich nicht mehr klar über etwas war, trotzdem weiterredete, versuchte zu kaschieren, indem sie dann erzählte, was ihr gerade einfiel, ihr die Phantasie eingab.
Ich erinnere mich, daß mir dies beim Telefonieren auffiel. Ich lebte ein paar Jahre in Italien (bis September '92) und telefonierte mit ihr jedes Wochenende. 1991 wohl, vielleicht aber auch schon etwas früher, passierte es ab und zu, daß sie sich nicht klar ausdrückte, abwich. (Es ist schwierig, dies im Nachhinein festzustellen.)
Ich kam alle drei Monate circa heim nach München und war eigentlich sehr froh, wenn ich sah, daß M. alleine ganz gut zurechtkam. Es kam eine Frau zum Saubermachen, meine Schwester besuchte oder holte sie ein- oder zweimal die Woche, und es schien eigentlich alles in Ordnung. Sie erzählte mir dann manchmal auch etwas, daß so nicht stattgefunden hatte. Heute ist mir klar, daß dies Symptome für AK waren. Damals nahm ich dies nicht ernst.

ForgetMeNot.gif Die ersten Anzeichen (... meiner Schwester) ForgetMeNot.gif Zum Anfang

Wenn meine Schwester zurückblickt, erinnert sie sich daran, daß unsere M. einen Sarkasmus, eine Art mit ihr und auch anderen zu sprechen, entwickelte. Da M. ja seit Jahren gehbehindert ist, war es an meiner Schwester, sie dahin zu fahren, wohin sie mußte und damit auch zum Hausarzt. Ich erinnere mich, daß meine Schwester mir erzählte, daß M. mit ihrem Arzt auf eine Weise sprach, die meine Schwester sehr verblüffte, eine Art, die sie von M. nicht gewohnt war. Auch sie meint, dies müßte 90 oder 91 gewesen sein.

ForgetMeNot.gif Unser BruderForgetMeNot.gif Zum Anfang

hat gar nichts bemerkt. Erst wie ich es ihm gesagt habe, hat er davon erfahren.

ForgetMeNot.gif Allgemeines ForgetMeNot.gif Zum Anfang

Heute denke ich, daß dies die äußeren Zeichen der Persönlichkeitsveränderung waren, die viele Alzheimer-Kranke durchleiden. Hinzu kommt, daß M. auch entweder an der Parkinsonschen oder ihr ähnlichen Krankheit leidet. Zu diesem Zeitpunkt denkt sich kein erwachsenes Kind, daß hier eine schreckliche Krankheit zugange ist. Der Volksmund gesteht den Alten zu, daß sie eigentümlich seien, daß sie ihre Marotten haben. Ich möchte jedem, der bei seinen älteren (über 70 etwa) Verwandten eine Veränderung der Persönlichkeit zu beobachten glaubt, raten, diesen dazu zu veranlassen, daß er eine umfassende Untersuchung machen läßt. Wenn diese angeboten wird. Leider ist hier Deutschland einige Schritte hinter den USA zurück. Dort wurden Methoden entwickelt, um die AK bereits zu einem frühen Zeitpunkt mit großer Wahrscheinlichkeit festzustellen. AK oder eine andere dieser heimtückischen Krankeiten, die Gehirnzellen unwiederbringlich zerstören und letztendlich zum geistigen und später körperlichen Tod führen.

Ein paar eigentlich - so schien es - unwichtige Sache geschahen wohl im Frühjahr und im Sommer 1994.
  • Anstatt den Regler des Ölöfens im Wohnzimmer auf Null zustellen, hat sie ihn auf Sechs gedreht. Als ich spät nach hause kam, dröhnte der Ofen und es war eine Bullenhitze im Zimmer. Wir haben dann vereinbart, daß sie den Ofen nicht mehr anrührt.
  • Es war schon öfters der Fall, daß sie den Fernseher nicht ausgemacht hat und gesagt hat: "Da sind noch Leute, die zusehen wollen.". Ein Mal war dies wieder der Fall, daß der Fernseher noch an war, aber diesmal mit höchster Lautstärke. Sie war zwar schon im Bett aber schlief natürlich nicht. Dies war bei dem Lärm nicht möglich. Es waren wieder Leute da - klar. Aber es wurde auch deutlich, daß sie nicht mehr wußte, wie man mit der Fernbedienung umgeht und damit auch, wie man den Apparat ausschaltet.
  • Bis dahin hatte auch sie unserem Kater sein Futter gegeben. Anstatt ihm nun eine Portion in seinen Freßnapf zu geben, hat sie diese nur geöffnet (die Alufolie abgezogen) und hingestellt. Der arme Kerl wußte damit nur bedingt etwas anzufangen. Die Alupackung ist ihm immer weggerutscht und es war für ihn sehr mühsam, sein Maul vollzubekommen. Wenn ich sie fragte, warum sie das Futter nicht in den Napf getan hat, hat sie ziemlich unwirsch reagiert. Sie wußte wohl wirklich nicht mehr, wie sie zuvor über viele Jahre ihren Kater gefüttert hat. Dieses Aufgabe ging dann auf mich über.

    Da M. sehr schlecht sieht, habe ich damals einiges darauf zurückgeführt. Heute sehe ich alles doch anders.

    Wer im ZDF am Montag, den 27. Oktober 1997 den Fernsehfilm "Reise in die Dunkelheit" gesehen hat, konnte einen Eindruck bekommen, wie durch - für einen gesunden Menschen - einfache Fragen die cognitiven Sinne getestet werden können und eine Diagnose möglich ist. Im Film geschah dies mit den folgenden Tests.
  • 1.
  • Bilder (Umriße eines Menschen und einer Katze), die interpretiert werden mußten. Der Kranke antwortete mit Spuren im Schnee.
  • 2.
  • Der Testperson wurden jeweils 5 Wörter vorgesprochen. Nur eines davon war ein deutsches Wort, die anderen vier waren durch Mischen der Buchstaben dieses Wortes erzeugte Nonsenswörter. Der Kranke erkannte ein Wort, bei drei Wörter lag er falsch, wobei er einmal um Wiederholung bat und beim fünften sagte er, daß er gar nichts mehr verstünde.
    Siehe hierzu den Text Fragen und Antworten (Auszug aus der Broschüre © der Alzheimer-Gesellschaft München).

  • ForgetMeNot.gif "Ich geh' jetzt heim!"
    oder
    "Wann gehen wir heim?"
    ForgetMeNot.gif Zum Anfang

    Dies scheint eines der deutlichsten Symptome der AK zu sein. Jedem, der einen AK-Patienten betreut (hat), sind diese Sätze bekannt.
    Im Frühling '93 hat M begonnen, sie auszusprechen. Ganz heftig war dies im Sommer des Jahres und in den folgenden Jahren. Erst zu Beginn '97, als sie in einer schlechten Phase war, die geistige Aktivität ziemlich reduziert war, hat dies abgenommen. Sie spricht zwar auch jetzt regelmäßig davon "heimgehen zu wollen", aber die Intensität des Gedankens hat stark abgenommen. Es vergehen Tage, ohne daß sie davon spricht. Der Zwang baut sich aber weiter auf und muß sich dann entladen. M. ist dem hilflos ausgeliefert und kann ihm nicht entgehen. Aber, wie gesagt, die Intensität hat abgenommen und dies macht es mir sehr viel leichter damit umzugehen. Ich fürchte, daß es bedeutet, daß ein weiterer Gehirnteil, der der Willenumsetzung dient (welcher auch immer dies sei), nun soweit geschädigt ist, daß er seiner Aufgabe nicht mehr vollständig nachkommen kann. So ab und an tut er es aber dann doch. Als würden sich für eine gewisse, kurze Zeit neue Verbindungen bilden, die sich aber nur temporär halten können. Dies würde auch das (manchmal sehr heftige) Auf und Ab, die Höhen und Tiefen, erklären, die die Kranken (und damit auch wir, ihre CG), durchleben.

    Es heißt, "heimgehen " bedeute "heim zu Mutter". Dies wäre dann der Ausdruck dafür, daß der Mensch sich irgendwie bewußt ist, daß er sehr krank ist, nicht zufrieden ist, sich nicht "zu hause" fühlt, ungeachtet der Tatsache, daß er es ist. "Heim zu Mutter" wäre dann "zu der Person, die immer geholfen hat".
    Manche raten zu der Antwort "Morgen gehen wir heim" und ähnlichem in der Hoffnung, daß dies wieder vergessen wird. Mit M. funktioniert dies (noch?) nicht, denn genau die Dinge, an die sie sich nicht erinnern soll, vergißt sie nicht. Auch wenn dies der Tatsache widerspricht, daß nach der vorherrschenden Meinung in diesem Krankheitsstadium das Kurzzeitgedächtnis bereits stark geschädigt ist. Unser Gedächtnis arbeitet in der Regel immer selektiv, niemand (außer Personen mit eidetischem Gedächtnis) merkt sich alles. Für den Kranken ist das "Heimgehen" das Wichtigste überhaupt. Dieser Drang ist unglaublich stark. Ich habe oft erlebt, daß M. alle paar Minuten davon geredet hat, ungeachtet aller meiner Antworten. Eine körperlich in besserem Zustand befindliche Person stellt den CG vor Riesenprobleme.

    ForgetMeNot.gif Wie es weiterging ForgetMeNot.gif Zum Anfang

    Ab Herbst '95 bis Sommer '96 half mir die Mutter einer guten Bekannten. Ich bereitete morgens die Kaffeemaschine vor und weckte M. auf bevor ich zur Arbeit ging. Während dieser Monate konnte M. noch einiges selbst tun: Anziehen, waschen, Toilettegehen, Kaffeemaschine einschalten, Kaffee einschenken etc. Die Frau kam dann vormittags gegen 11 Uhr, kochte für M. das Mittagessen und blieb bis etwas 15 Uhr oder 15.30. Ich kam dann gegen 17.00 Uhr von der Arbeit nach hause. Dies ging bis Juli 1996. Dann lief mein Vertrag aus und ich war mit M. zu hause. Das Zusammensein mit ihr war in den folgenden Monaten schwieriger als in der Zeit davor aber ich konnte sie alleine lassen, ohne daß ihr etwas passierte. Dachte ich.
    Eines Abends im September '96 als ich nicht zu hause war, verließ sie die Wohnung ohne irgend etwas mitzunehmen oder abzuschließen und wollte wahrscheinlich "heimgehen". Sie stürzte und brach sich das rechte Handgelenk. Zum Glück kam zufällig eine Frau, die sie bei einer Veranstaltung des Altenzentrums in der Wolfgangsstraße kennengelernt hatte und wußte, wo sie wohnt, vorbei, half ihr und brachte sie nach hause. Unsere Nachbarn konnten mit einem Dietrich die Wohnungstüre öffnen - sie war ja nur eingeschnappt - und sie hineinbringen. Als ich später nach hause kam, traf ich sie in meinem Zimmer am Boden kniend, die Kleidung in wirrem Zustand, an. Das, was sie mir erzählte, war so unverständlich, daß ich auf keinen Fall erkennen konnte, was wirklich passiert war. Das einzige Wahre war, daß sie gestürzt war und ihr das rechte Handgelenk weh tat. Um die vorhandenen, leichten Schürfwunden zu entdecken, hätte ich sie untersuchen müssen, wofür ich aber eigentlich keinen Anlaß hatte und daher auch nicht tat.
    Am nächsten Morgen erzählten mir die Nachbarn was wirklich passiert war und wir fuhren ins Krankenhaus, wo dann der Bruch diagnostiziert wurde und das Gelenk mit dem Unterarm in Gips kam. Den Gips hatte sie über einen Monat und an dem Tag, an dem sie ihn bekam, begann meine Zeit als ihr Betreuer. Vorher hatte ich den Haushalt geführt, gekocht und alles, was so dazu gehört gemacht. Während ich schreibe fällt mir ein, daß ich sie zuvor schon einige Male aus der Badwanne gehoben hatte, weil sie es alleine nicht geschafft hatte. Als ich ihr erzählte, was an diesem Abend wirklich geschehen war, glaubte sie es nicht. Wenn jemand sie fragte, wie sie sich das Handgelenk gebrochen hatte, hatte sie absolut phantastische Geschichten auf Lager. Mit ein paar Freundinnen wäre sie spazieren gegangen ist nur eine Version. Wenn ich sie heute frage, weiß sie nichts mehr von diesem Unfall.
    Ich hatte sie schon vorher nur ungern alleine gelassen, aber so lange nichts passierte, war sie schon auch zweimal die Woche abends und mehrmals während des Tags alleine. Von diesem Tag an jedoch ist sie keinen Abend mehr und auch nur selten untertags alleine gewesen.
    Sie wurde mit ihrem Handicap erstaunlich gut fertig. Einesteils wahrscheinlich, weil sie es gewohnt war, alles alleine zu tun, andernteils hat sie den Gips und den Bruch nicht mehr 100%ig mitbekommen. Je nach Phase. So wie sie sich ihrer Krankheit mit Ausnahmen schon lange nicht mehr bewußt ist. Aber: Die erzwungene Untätigkeit der rechten Hand, hat diese einen Teil ihrer Fertigkeiten einbüßen lassen. Konnte M. auf Grund ihrer schlechten Augen schon vorher kaum mehr mit Messer und Gabel umgehen, hat sie es danach zwar versucht, aber als ich sah, daß es nicht funktionieren wurde, ging ich dazu über, ihr Essen zu zerkleinern und ihr einen Löffel zum Essen zu geben. Dies zwang mich auch dazu, meinen Speiseplan an diese Eßmethode anzupassen. Seit Juli '97 gibt es aber Gelegenheiten, wo sie mich auch in dieser Hinsicht positiv überrascht und sehr viel besser mit dem Löffel umgeht, als in den Monaten zuvor.

    ForgetMeNot.gif Speisen ForgetMeNot.gif Zum Anfang

    Auch den Speiseplan habe ich umgestellt. Wer meine Rezeptseiten gesehen hat, weiß, daß ich ein Fan der italienischen Küche bin und sehr gerne koche. Mehrmals im Jahr habe ich vier bis sechs Freunde eingeladen und diese bekocht. Immer wieder etwas neues ausprobiert. M. hat mit mir zum ersten Mal in ihrem Leben mit 78 Jahren Muscheln gegessen und sie haben ihr sehr gut geschmeckt. Gamberoni (landläufig Scampi genannt, was nicht richtig ist) mochte sie auch gern, diverse Nudelgerichte, die Risotti - sie hat tapfer alles gegessen. Von meiner Schwester habe ich dann allerdings gehört, daß ihr nicht alles wirklich gut geschmeckt hat (wie z. B. Nudeln mit Thunfisch und Zwiebel oder all'arrabiata). Ihr hat es M. nämlich gesagt. Dann habe ich gespürt, daß ihr die Küche, mit der sie aufgewachsen ist, viel besser schmeckt. Also habe ich gelernt einen Schweinebraten zuzubereiten, dann Hackbraten, Kartoffelsalat, Semmel- und Kartoffelknödel (aus dem Beutel) und andere Gerichte der Münchner und Bayerischen Küche. Wenn sie einen guten, gerösteten Leberkäs ißt, beginnen ihre Augen zu leuchten. Genauso, wenn es Weißwürste gibt.
    Dann mag sie noch: Ripperl (außerhalb Bayerns wohl Kasseler genannt), Heringsfilets in Sahne mit Zwiebeln und Eßiggurken etc mit gekochten Kartoffeln. Im Frühling gab es zweimal die Woche Spargel: Im Bratbeutel mit Butter und Salz im eigenen Saft, dazu Salzkartoffel. Ich bekam ihn privat - Schrobenhausener zum Superpreis. Spargel ist wirklich ein göttliches Gewächs und sie mag ihn wahnsinnig gern. Ich auch.
    Nur ist die Fähigkeit zu Schmecken auch deutlich zurückgegangen. Früher hat sie sich immer nachgesalzen. Heute würde sie fast alles so essen, wie ich ihr es hinstelle. Erst wenn ich sage, daß meinem Gefühl nach Salz fehlt, stimmt sie mir zu. Dies kann man noch mit dem Symptom sich nicht mehr ausdrücken können erklären, aber es gibt noch mehr. Maracujasaft, den ich ausgesprochen süß finde, bezeichnet sie als sauer und verzieht das Gesicht. Manchmal bin ich beim Pfeffern sehr großzügig, was bei ihr aber keinen Kommentar hervorruft. Der Geschmack ist auch eine der kognitiven Fähigkeiten und diese gehen immer mehr zurück.
    Ihr schmecken also die Gerichte der Vergangenheit viel besser und dies ist leicht verständlich, wenn man daran denkt, daß die alten Erinnerungen am längsten erhalten bleiben. Sie ist ständig auf Zeitreise: Manchmal Teenager, manchmal "Ich weiß nicht was". An ihren Augen kann ich es manchmal erkennen.

    ForgetMeNot.gif Sprache ForgetMeNot.gif Zum Anfang

    Kürzlich war in "Der Sprechstunde" des Bayerischen Rundfunks 3. Programm die Parkinson'sche Krankheit das Thema. Ich habe viel darüber gelernt, Einzelheiten, von denen ich noch nicht gehört hatte. Bei M. mischen sich die Symptome, wenn diese Situation - ich möchte es Anfall nennen - eintritt:
  • Der an Parkinson Erkrankte spricht immer schneller und unverständlicher. M. tut dies auch, wobei die Stimme immer leiser wird. Es ist geradezu unmöglich, hier etwas zu verstehen.
  • Was sie sagt, ist sehr oft Unsinn. Wenn ich mir viel Mühe gebe und nah bei ihr bin, kann ich Wörter unterscheiden.
  • Wenn es ganz schlimm ist, kommen nur noch Zahlen. Dies geschieht auch manchmal, wenn sie beinahe normal ist. Wenn keine Wörter mehr verfügbar sind, dann sind es halt Zahlen: Oft zwischen zehn und zwanzig.
    Grundsätzlich ist festzustellen: Eine zusammenhängende Rede über mehrere Sätze ist ihr nur möglich, wenn sie "von ihrem Tag" erzählt.
    Beispiel: Als Mädchen war sie sehr oft in Grünwald (das heute als eines der münchner Prominentenviertel bekannt ist), wo ihre Familie ein Haus und viele Verwandte und Bekannte hatte. Es existieren noch Photos mit ihr, ihrer Schwester, den Eltern, den Schwestern ihrer Mutter, Freundinnen, Hund und mehr. Ohne diese Photos wüßte ich nicht mehr, daß es einmal einen Hund in der Familie gegeben hat. Wenn sie also so richtig erzählt, dann kommen fast alle Mitglieder der Familie, Freunde und der Hund vor. Es ist dies dann ein Exkurs durch die Jahrzehnte, alles was halt noch da ist. Manchmal habe ich den Eindruck, sie wolle mir etwas ganz anderes erzählen, etwas was während der Tagespflege geschehen ist. Aber sie schafft es nicht, dies auszudrücken.
      Zu ihren Lieblingswörtern / -sprüchen zählen:
    • Schreiben
    • Aufmachen
    • Gehen (natürlich)
    • Wie geht es/dies weiter?
    • Einfädeln
    • Da werden wir ja nie fertig
    • (Fortsetzung folgt)


  • ForgetMeNot.gif Medikamente ForgetMeNot.gif Zum Anfang

    Wie alle, die sich mit der AK beschäftigen, wissen, gibt es keine Heilung bei AK. Die folgenden Medikamente dienen zur Stabilisierung anderer körperlicher Probleme.
    Das Wissen bei den Allgemeinmedizinern um diese Krankheiten scheint mir bislang nur oberflächlich. Auch die Diagnosemöglichkeiten scheinen ihren Weg noch nicht über den Großen Teich gefunden zu haben. Ich weiß, daß es in den USA möglich ist, mit großer Wahrscheinlichkeit die AK zu diagnostizieren. Dies geschieht durch mehrere Untersuchungen des Gehirns und des restlichen Körpers. Darüber weiß unser Hausarzt leider überhaupt nichts. Ich befürchte auch, daß die Krankenkassen eine derart umfangreiche Untersuchung zur Zeit noch nicht bezahlen.
    Ein endgültige Diagnose ist erst durch die Untersuchung des Gehirns des verstorbenen Patienten möglich.

    Tremarit dämpft das Zittern, das durch Parkinson verursacht wird. Es dämpft aber auch die geistige Aktivität.

    Madopar verbessert die Bewegungsfähigkeit (Botenstoff Dopamin).

    Cinnarizin forte stabilisiert das Gleichgewicht. Es verbessert die Durchblutung des Gleichgewichtszentrums. Es sieht so aus, als würde auch das Verdauungssystem positiv beeinflußt. Seitdem M. regelmäßig C. nimmt, benötigt sie keine Abführmittel mehr. Auch die regelmäße Ernährung (vor allem in der Tagespflege ißt sie sehr gut) hat da ihren Anteil.

    Dyclofenac ist ein Antiphlogistikum. Täglich morgens eine D. hat dazu geführt, daß M. kaum mehr über Schmerzen im Oberschenkel und der Hüfte klagt.

    Haloperidol ist ein Psychopharmaka, das ein Überangebot von Botenstoffen im Gehirn reduziert und dadurch den Patienten mehr in die Realität holt.

    ForgetMeNot.gif Die Tagespflege ForgetMeNot.gif Zum Anfang

    Seit Januar '97 ist M. Dienstag, Mittwoch und Donnerstag in der Tagespflegestelle der Arbeitwohlfahrt in Haidhausen. Sie wird von einem spezialisierten Taxiunternehmen gegen 8.15 abgeholt und gegen 15.45 heimgebracht. Dies gibt mir die Gelegenheit, meinen Lebensunterhalt zu verdienen und geistig Abstand zu gewinnen. Die Kosten für die Tagespflege werden von der Pflegeversicherung (M. ist in Stufe II eingestuft) übernommen. M. bezahlt die Taxifahrten und das Mittagessen, was sich im Monat auch auf fast 400 Mark summiert.
    Früher hatten wir eine auch schon nicht mehr junge Dame, eine gute Bekannte, die sich untertags M.s angenommen hat, damit ich arbeiten konnte (siehe oben). Gesundheitsprobleme machen es ihr aber unmöglich, dies weiterhin zu tun. Wenn ich jemanden ganztags engagieren würde, um sich um M. zu kümmern, würde dies wohl 30 bis 40 % meines Nettoeinkommens aufzehren. Die Tagespflege für M. ist also ein wahrer Segen für mich.
    Und ihr scheint es auch sehr gut zu bekommen. Ihr Hausarzt glaubt, daß ein Gutteil von M.s guter Verfassung der Tagespflege zukommt. Die beiden Schwestern sind ausgesprochen lieb und freundlich mit den älteren Herrschaften und auch der Ersatzdienstleistende, der sie unterstützt, macht seine Sache sehr gut. Das Pflegepersonal arbeitet mit den ihm Anvertrauten so weit dies noch geht mit Gedächtnisübungen, Fingergymnastik und vieles mehr. Dies weiß ich aber nicht von M. Wenn ich sie frage, was sie heute gemacht hat, sagt sie entweder gar nichts oder sie erzählt eine Räuberpistole. Jeder und alles, was ihr in den Sinn kommt, wird dort untergebracht. Zu 99 % sind es Menschen, Verwandte und Freunde, die schon vor vielen Jahren gestorben sind. Je länger sie spricht, desto leiser wird ihre Stimme und umso sinnloser werden die Worte.
    Leider kann sie mir nie sagen, was es zum Mittagessen gegeben hat. Wenn ich ihr ein paar Speisen aufzähle, nimmt sie irgendeine und sagt: Ja, die war es.

    ForgetMeNot.gif Ihre Arbeiten und andere Symptome ForgetMeNot.gif Zum Anfang

    1. Sie bearbeitet ihren Rock. Sie rollt in ein, zerrt an ihm, am Futter. Zu ihrem Glück reichen ihre Kräfte nicht mehr dazu aus, tatsächlich etwas zu zerreißen, sonst bräuchte sie schon bald täglich einen neuen Rock.
      Wozu es noch ausreicht, ist einen Knopf abzureißen, wenn der Faden schon etwas schach ist oder der Strumpfhose den Garaus zu machen. Sie glaubt, daß sie damit eine sinnvolle Arbeit ausübt. Ich habe einige Male versucht von ihr zu erfahren, was sie da tut. Leider bekomme ich keine Antwort, der ich etwas entnehmen könnte. Sie tut dies auch (fast immer), wenn sie einer Sendung im Fernsehen aufmerksam folgt. Dann kann ich normal mit ihr sprechen. Wenn aber alle ihre Konzentration auf die Bearbeitung ihres Rocks gerichtet ist, ist sie nicht mehr erreichbar. Manchmal bittet sie mich ihr zu helfen. Und ich weiß nicht wie.

    2. Sie scharrt mit den Füßen am Boden herum. Wenn sie dieser "Arbeit" nachgeht, ist sie sehr verwirrt und mir nicht mehr zugänglich. Meine Frage, was sie da tut, wird als Kritik verstanden und mit Aggressivität ihrerseits beantwortet.

    3. Sie wischt (im Sitzen oder Stehen) mit beiden Händen über den Tisch. Ich habe gelernt, daß sie dann sehr verwirrt und nicht ansprechbar ist.

    4. Bis zu den Sommermonaten '97 hatte sie die Manie, sich, kaum daß sie angezogen war und beim Kaffee saß, wieder auszuziehen. Wenn ich sie fragte, warum sie sich auszog, war ihre Antwort "Ich ziehe mich an!". Nun könnte man meinen, die Kleidung, die ich ihr angezogen hatte, wäre nicht bequem gewesen. Dies mag am Anfang ein paarmal vorgekommen sein. Aber ich habe dann darauf aufgepaßt. Da sie an Gewicht zugelegt hatte, waren einige Röcke und Blusen zu eng geworden. Als ich dies erkannte, haben wir aussortiert. Also konnte es nicht mehr daran gelegen haben. Trotzdem ging dies über einige Monate bis zum Sommer. Seitdem hat sie sich kaum mehr ausgezogen. Die Gefahr dazu besteht immer dann, wenn der Abholer zur Tagespflege nicht pünktlich ab 8.15 Uhr kommt.

    5. Früher hatten wir eine Tischdecke auf dem Wohnzimmertisch. Da sie diese aber ungeachtet aller Dinge, die sich auf dem Tisch befanden, zu sich heruntergezogen hat und dabei einige Gläser samt Inhalt auf dem Teppich gelandet sind, ist der Tisch nun ohne, auch wenn dies nicht sehr schön ist. Überhaupt ist es nötig darauf zu achten, daß keine Sachen herumliegen. Sie könnten kaputtgehen oder verschwinden.
    Es hat mich sehr viel gekostet, das, was ich hier beschreibe, anzunehmen. Es einfach geschehen zu lassen. Ich kann nichts tun in dieser Situation, ihr nicht helfen. Nur hoffen, daß sie bald wieder zurückfindet. Aber manchmal hat es schon Stunden gedauert.
    Bislang ist sie noch immer zurückgekommen. Aber irgendwann wird der Tag sein, an dem sie nicht mehr zurückkommt. Dann werde ich sie nicht mehr pflegen können.

    ForgetMeNot.gif Inkontinenz ForgetMeNot.gif Zum Anfang

    Im September '95 hatte M. einen Gebärmuttersturz und eine Totaloperation ließ sich nicht vermeiden. Sie war über vier Wochen im Krankenhaus und überstand die Narkose und die Operation ohne erkennbare Probleme. Durch die herabdrückende Gebärmutter wurde aber der Harnleiter angegriffen, das Tragen eines Katheters über vier Wochen tat ein übriges. So hatte M. nach der Entlassung aus dem Krankenhaus ziemlich Probleme mit ihrer Blase. Diese haben sich im Laufe von Monaten gebessert und treten nur sporadisch wieder auf.
    In den letzten Monaten '96 und den ersten '97 ist es (wenn mein Gedächtnis mich nicht trügt) sechs Mal dazugekommen, daß M. während der Nacht oder am Morgen noch im Bett inkontinent war. Zweimal geschah es im Schlaf, die restlichen Male hat sie es nicht mehr geschafft aufzustehen. Sie ruft mich nicht mit Namen. Ich wache auf, weil ich irgend etwas höre. Heute waren es die Worte "Vati" und "Mamma". Ich hörte sie, als ich die angelehnte Türe ihres Schlafzimmers öffnete. Ich fragte sie, ob sie wach sei - "ja" - und ob sie auf die Toilette müßte. "Ja". Wenn sie aufstehen muß oder will, stelle ich sie mit meinem eigenen Körper als Gegenkraft an den Oberarmen haltend auf die Beine. Als ich dies heute tat, lief - kaum daß sie auf den Beinen stand, ihre Blase über. Es hatte also zu lange gedauert. Wäre ich nun aufgewacht und wäre ich nicht gekommen, dann hätte der Unfall im Bett stattgefunden.
    Oder auch nicht. In den vergangenen zwei Monaten Juli und August ist sie ein paar Mal alleine aufgestanden. Selbst wenn sie es schafft aufzustehen, dauert es dann einfach zu lange, bis sie zur Toilette kommt. Wenn sie sich erinnert, wo diese ist. Was beileibe nicht selbstverständlich ist.
    Daß am Kopfende ihres Bettes ein Toilettenstuhl steht, das hat sie sich noch nie merken können. Leider, leider.
    Seit etwa Mitte Oktober '97 ist die Blase wieder sehr unzuverläßig. Morgens hebe ich sie nun direkt aus dem Bett und setze sie auf den Toilettenstuhl. Trotzdem dies eigentlich sehr schnell geht, sind fast immer ein paar Tropfen auf dem Teppich. Ich erkläre ihr dann mindestens zehnmal, daß sie auf dem Toilettenstuhl sitzt und ruhig ihr Geschäft erledigen kann. Dabei streichle ich ihr die Hände, rede ganz zart und lieb und schaue ihr in die Augen. Manchmal habe ich den Eindruck, daß sie es versteht. Aber wenn sie sich weigert Wasser zu lassen und darauf besteht zur Toilette zu gehen, kann es nicht so sein.

    ForgetMeNot.gif Bis Ende November 1997 ForgetMeNot.gif Zum Anfang

    Der Oktober brachte graue, kürzerwerdende Tage und seitdem ist bei M. das Schlafbedürfnis stark angestiegen. An den Tagen, an denen sie ausschlafen kann - Freitag mit Montag, wacht sie kaum vor 10 Uhr auf, es kann auch 11 Uhr werden. Ich versuche, sie ab 22.15 Uhr zum Insbettgehen zu veranlassen. Manchmal geht es sofort gut, manchmal dauert es bis 22.45 Uhr, bis sie dann selbst sagt, sie möchte jetzt schlafen gehen. Wehe, ich insistiere zu sehr, dann schaltet sie sofort auf stur, wie ein kleines Kind.
    Die bisher absolute Spitze ist heute am 30.11.97 aufgetreten. Sie hat fast 13 Stunden geschlafen: von 22.30 Uhr bis 12.15. Ich habe ein paarmal nachgeschaut und an ihrem Atmen bemerkt, daß ihr Schlaf sehr tief war. Ein leises Wort meinerseits hat sie nicht geweckt. Aus Erfahrung weiß ich, daß, wenn ich sie aus tiefem Schlaf hole, sie schlechter drauf sein wird. Um mir dies zu ersparen, lasse ich sie schlafen und hoffe, daß dies kein Zeichen für das Fortschreiten der Krankheit ist. Aber heute ist sie schon sehr ruhig. Nicht ganz so ruhig, wie sie in den ersten Monaten des Jahres war. Aber sehr passiv. Andererseits sind ihre Antworten eigentlich ganz okay.
    Heute morgen habe ich sie wieder in den Toilettenstuhl gehoben. Da nicht sofort Urin gekommen ist, habe ich sie mit dem Stuhl zur Toilettentür gefahren und sie gebeten, aufzustehen. Anstatt die Füße anzuziehen und auf den Boden zu stellen, hat sie sie ausgestreckt. Wenn sie dann auf dem Boden waren, ist sie trotz meiner Hilfe nicht hoch gekommen. Dies ging circa 5 Minuten lang. Plötzlich konnte sie dann aufstehen. Sie wußte keine Erklärung und ich auch nicht.

    ForgetMeNot.gif Bis Ende Dezember 1997 ForgetMeNot.gif Zum Anfang

    Die Schlafzeiten sind zurückgegangen und es wird wieder etwas schwieriger, M. früh ins Bett zu bekommen. Dies ist einfach wichtig, wenn sie am nächsten Tag um 7.30 (Tagespflege) aufstehen muß. Ihre Aufwachzeit schwankt nun wieder zwischen 9 und 10 Uhr. Einmal war sie schon um 7.30 Uhr wach und ich habe sie überredet, noch weiterzuschlafen.
    Mitte des Monats hatte M. ihr absolutes Tief: Mit fast keinem Ausdruck mehr im Gesicht saß sie am Tisch. Da war nur noch ganz wenig von meiner Mutter übrig. Dies dauerte nur ein paar Minuten und dann kam sie wieder zurück: Zuerst nur wenig, aber wenigsten so viel, daß sie zu Mittag aß. Im Laufe von 10 Tagen hat sie sich erholt, ist lieb, fröhlich und liebenswert wie fast noch nie. Und so konnte sie die Weihnachtstage im Familienkreis (4 Generationen versammelt) sehr gut überstehen. Nun ist sie fast (aber nur fast) wie vor diesem Montag. Trotzdem habe ich mir ein ziemlich nah gelegenes Pflegeheim angesehen. Wie deprimierend! Körperlich sind die Frauen, die ich dort gesehen habe, zwar noch fitter, aber geistig? Auf mein lautes "Grüß Gott" hat eine Stimme geantwortet. Es saßen dort aber 12 Frauen! Nein danke. Da werde ich noch einiges ertragen, bis wir für M. dort einen Platz besorgen.
    Die Blase hält morgens wieder. Ich setze sie trotzdem auf den Toilettenstuhl und fahre sie dann zur Toilette. In unserem Altbau sind dies immerhin circa 10 Meter. Bei 5 - 10 Schrittchen pro Meter eine lange Strecke. Aber da sie darauf besteht, auf die Toilette zu gehen und den Toilettenstuhl nicht zu benützen, habe ich keine Wahl. Was ein Toilettenstuhl ist, kann sie nicht mehr verstehen. Auch wenn ich sage "dies ist der Topf", hilft es nichts.
    Ihre Finger haben vergessen, wie sie die Gebiße halten müßen, um sie ins Kiefer zu setzen. Früher hat sie dies erspürt - seit drei Tagen geht es direkt morgens nicht mehr. Ich versuche es halt dann etwas später und zweimal ging es, einmal auch dann nicht. Wenn einer der Tage der Tagespflege ist, mache ich es gleich selbst, da wir uns dann etwas sputen müssen.
    Ich bin sehr froh, daß sie das Weihnachstsfest noch "erlebt" hat.

    ForgetMeNot.gif Begonnen am 8. November 1997. ForgetMeNot.gif
    Beendet im Januar 1998.
    © by Werner Saumweber 1997 und 1998

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