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Unsere Mutter Anfang der '90er
20.Juli 1914 bis 24. Juli 1999
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Die Langschlafphase ist zu Ende. Halb neun bis halb zehn ist nun die
Standardzeit zum Aufwachen.
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Jochen kommt am 7. wieder zu Besuch und hat das Vergnügen, Saibling
essen zu dürfen. Der 660 Gramm schwere Fisch ist für M. und mich
natürlich viel zu groß. Mittags haben wir die 1. Hälfte
geschafft und zum Abendessen gibt es die 2. Er ist kalt mit Zitronensaft,
Salz und Pfeffer einfach deliziös. Jochen als Berliner kannte den
Saibling nicht und weiß jetzt auch, daß er aus den oberbayerischen
Seen kommt.
Am 10. spät nachmittags hat M. begonnen zu hüsteln und ihr
war kalt. Die Zimmertemperatur war wie immer, um die 22 Grad. Also habe
ich ihr eine Decke über Schoß und Beine gelegt und ihr schwarzen
Tee mit Rum zubereitet. Getrunken hat sie allerdings nur wenig davon. Später
dann konnte sie sich kaum auf den Beinen halten. "Schwammerl in die Knie"
heißt das in unseren Landen. Ich habe sie mit Müh und Not auf
die Toilette gebracht, was sich dann als vergebens herausstellte. Kein
Urin ist gekommen.
Samstag: Meine Bitte ist erhört worden. M. ist um 9.15 Uhr aufgewacht. Sie ist noch etwas schwach auf den Beinen und das Zähneputzen geht noch nicht. Aber die zwei Tassen Kaffee haben ihr gut geschmeckt, die Tabletten und die Tropfen sind kein Problem mehr. Der Durchfall am späten Vormittag ist hoffentlich der krönende Abschluß dieser Krise. Wir haben es natürlich nicht ganz rechtzeitig geschafft, aber die Misere hat sich in Grenzen gehalten. Zumindest kann sie mit meiner Hilfe wieder gehen. Damit ist die Tagespflege ab Montag wieder sicher. Für diesen Monat ist es genug. |
So hatte ich gedacht. Leider war diese Infektion damit nicht erledigt.
Bis zum Ende des Monats ging es weiter - einmal ein wenig besser, dann
wieder schlechter. Das Aufstehen an den Tagen der Tagespflege war schon
eine richtige Qual für M. und mich. Kaum ein Wort, nur "ja" oder "nein",
und selten richtig. Fast immer das Gegenteil.
Diese Abteilung sieht weniger wie eine Pflegeabteilung aus. Daß es nur Zweibettzimmer gibt, dürfte kein Problem sein. M. schläft in der Regel sehr gut und tief. Es gibt zwei Wohnzimmer mit mehreren Sofas, Stereoanlage und TV. Rund um das Haus ist Garten, der intensiv von den Insassen, auch der Pflegeabteilung, genutzt wird. Etwa ein halbes Dutzend Sitzgruppen in den Ecken im lockern den schrägen Korridor auf. Die Zimmer sind sehr akzeptabel und kleine eigene Möbel, Bilder etc. sind erwünscht. Die Angehörigen werden in das Betreuungskonzept mit einbezogen, sollen teilnehmen. Es hängt also jetzt von M. ab. Wir können eigentlich nichts tun als dafür zu sorgen, daß es ihr gut geht und sie somit auch "gut ankommt". Wie geschrieben, ist bei M. durch die zweifache Hüftgelenksoperation das rechte Bein inzwischen wohl vier cm kürzer. Über die 15 Jahre seit der zweiten Operation ist ihre Gehfähigkeit dadurch sehr beeinträchtigt und für Strecken über 20 bis 30 m ist der Rollstuhl notwendig. Ob diese körperliche Behinderung ihre Aufnahmechancen verschlechtert, muss sich noch herausstellen. Bei unserem Besuch bei einer Neurologin zwecks Bescheinigung für's
Heim hat diese angeregt, die Dosis der Madopar-Kapseln (L-Dopa => Dopamin
=> Botenstoff für die Bewegung zuständig u.a.) zu verdoppeln.
Ich habe erst mal aus zwei drei gemacht (gegen 14.00 Uhr die dritte) und
bin sehr überrascht. Sie bewegt sich viel besser, ist nicht mehr so
steif. Und sie ist so viel wacher. Mehr als in den letzten Monaten '98.
Dies ist der erhöhten Dopamingabe zuzuschreiben - davon bin ich überzeugt.
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M.s Comeback hat sich fortgesetzt. Bisher habe ich noch nicht davon gehört, daß das Vorhandensein einer größeren Dopaminmenge bei Demenzkranken so großen Einfluß auf die kognitiven Fähigkeiten haben kann. |
Diese Tage hat M. das Ausziehen vergessen. Dies ist eine wahre Wohltat.
Ihre Fragen nach ihren Eltern, ihrer Oma, all den Tanten sind an den Nachmittagen
nach der Tagespflege ständig present, an den anderen sehr viel weniger.
Ihre Schwester Else ist fast immer da, wird geschimpft, weil sie nie antwortet.
M. ist dann echt sauer.
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Am Dienstag, den 1. Juni konnte M. nicht zur Tagespflege. Am Vortag/abend
mußte sie sieben Stunden nicht auf die Toilette. Dafür hat sie
mich um 4.25 geweckt und wir haben es beinahe geschafft. Dann: Bett neu
überziehen, M. waschen - es war fast fünf Uhr, als ich wieder
im Bett war. Das Aufstehen war dann schon ziemlich schwierig und ich hätte
es besser bleiben lassen. Sie konnte nicht stehen, was beim Versuch der
Morgentoilette deutlich wurde. Sie hatte keine Kraft - "Schwammerl in die
Knie" sagen wir in Bayern. Für mich bedeutete dies: Ein Tag Urlaub.
Und innerhalb von zwei Stunden hat sich ihr Zustand total verschlechtert. Dann war es soweit, dass M. ihr Kinn und damit die Kau- und Schluckmuskulatur kaum mehr kontrollieren konnte. Nur bei jedem fünften Versuch konnte sie einen kleinen Schluck trinken. Ratlos wie ich war, rief ich Freunde (Pflegeprofis) an, die so lieb waren, zu uns zu kommen. Gemeinsam haben wir versucht, M. Saft einzuflössen. Nichts zu machen. Dann habe ich wieder einen Arzt geholt und die Einweisung vornehmen lassen. Noch im Rettungswagen ist ihr die Infusion gesetzt worden. Meine Schwester, die ich angerufen hatte, ist dann mit mir dem Wagen nachgefahren und wir haben im Krankenhaus alles veranlasst. Um 1.00 bin ich wieder zu hause gewesen. An nächsten Tag dann die Diagnose: Schwere Infektion der Harnwege
und Blase und Flüssigkeitsmangel. Sie bekommt mit der Infusion Antibiotika, Acetylcholin und Nährstoffe.
Die ganze Zeit hat sie immer auf Ansprache reagiert, ist aber einfach zu schwach gewesen. Sie hat auch nie ausgetrocknet
ausgesehen. Sie ist wohl am Rand gewesen.
M. wird nicht mehr nach hause zurückkehren. Selbst wenn sie fast wieder die Alte werden sollte, ist das Risiko der Wiederholung einfach zu groß und es ist für mich nicht zu schaffen. So hat also das Schicksal entschieden und uns die Entscheidung aus der Hand genommen. Meine Pläne mit der gerontopsychiatrischen Wohngruppe sind damit ja auch erledigt. Bleibt zu hoffen, dass wir einen guten Platz für Mama finden. Bis Donnerstag hat sich M.s Verfassung nicht verändert: Bei Ansprache
nur kurze Aufmerksamkeit, dann der Blick ins Weite. Da M. nicht schlucken kann, können ihr auch keine Medikamente
verabreicht werden, die über den Magen aufgenommen werden müssen. Dies gilt auch für L-Dopa-Präparate
(Botenstoff Dopamin).
Sonntag ist sie nicht so guter Laune gewesen. Das Liegen hat ihr wohl
weh getan, aber sie hat nicht die Kraft, die Stellung selbst zu ändern. Und wenn dies vom Pflegepersonal alle
1,5 Stunden getan wird, schmerzt sie das sehr. Auch die Aufmerksamkeit ist heute nicht so gewesen, wie gestern. Einen (klitze)kleinen
Schritt vorwärts, einen halben zurück.
Der behandelnde Arzt hat uns von der transabdominalen Magensonde erzählt und uns empfohlen bei M. eine einsetzen zu lassen. Wir sind kurz vor dem Entschluß dies machen zu lassen. Die Antworten von unserer Mailing-Liste sind sehr beruhigend und wir brauchen uns keine Sorgen wegen der Sonde zu machen. Sofern die Entwicklungen dies noch sinnvoll erscheinen lassen werden, wird die Sonde kommen. Montag: Dienstag:
Da das Husten, das Würgen immer schlimmer werden, M. die Tränen unter den geschlossenen Lidern hervorquellen, bestehen wir darauf, dass ihr Schlund abgesaugt wird. Wir müssen das Zimmer verlassen. Danach atmet M. leichter und hustet nicht. Nach wie vor: Sie isst nicht und trinkt nicht. Sollen wir es mit Eis versuchen, wenn sie morgen oder übermorgen klar ist? Und wenn dies auch nicht hilft, die transabdominale Magensonde operieren lassen? Es reisst uns hin und her. Ist die Sonde gesetzt, wird M. so lange weiterernährt werden, wie der Körper die Nahrung noch aufnimmt. Dies kann sich zu einer richtigen Horrorvorstellung entwickeln. Aber wir können sie ihr nicht verweigern und sie zum Verhungern verurteilen. Freitag morgen ist M. die Sonde gesetzt worden. Vorher hat sie Valium über die Nasensonde bekommen und dann eine örtliche Betäubung. Um 14:00 haben meine Schwester und ich sie besucht und sie war müde, müde, .... Ist ja klar. Der Eiterausfluss aus den Kiefern ist in den letzten drei Tagen fast ganz zurückgegangen und stört sie nicht mehr. Sie atmet ruhig und schläft die meiste Zeit. Auch wenn wir da sind. Ihr "wawawawa..." ist leiser geworden. Sie reagiert zwar, wenn sie angesprochen wird, weiß aber sicher nicht mehr, wer sie ist, wo sie ist, wer wir sind. Emotional ist ein Erkennen da, denn wir bringen sie zum Lächeln. Ganz kurz. Der Zahnarzt, bei dem M. dieses Jahr dreimal war, hat meiner Schwester gesagt: Solange es keine Komplikationen gibt, möchte er nichts weiter tun. Ich bin auch nach wie vor dagegen, M. diesen Eingriff zuzumuten. Es sind noch neun Zähne - fünf oben in der Mitte und je zwei unten links und rechts. An diesen waren bisher die Prothesen aufgehängt und solange M. gegessen hat, war dies alles in Ordnung. Aber nun scheint die Extraktion unumgänglich und wir werden das Risiko eingehen müssen. Auf unsere Bitten hin ist bei M. inzwischen die rechte Hüfte geröntgt worden. Auf den Bildern ist zu sehen, daß sich das künstliche Gelenk aus der Hüfte gelöst hat. Dies erklärt eindeutig ihre starken Schmerzen und auch ihre hin und wieder vorkommende starke Neigung nach rechts beim Gehen. Ich habe mir nicht vorstellen können, daß sie trotzdem noch gehen konnte. Quot era demonstrandum. Samstag: Sonntag: Mittwoch
Donnerstag
Am Abend erfahre ich, daß der Transport morgens um 6.45 Uhr stattgefunden hat. Die Sanis sind einfach gekommen
und die Pfleger auf der Station haben nicht gewagt, den Transport abzulehnen, da sie aus Erfahrung wissen, daß der
nächste dann sehr viel später kommt. Bedeutet, daß M. nicht gewaschen, der Mund nicht gesäubert, die Haut nicht
eingecremt werden konnten. Sie hatte ihr Nachthemd, eine Bettjacke, eine Windel und ihre Hausschuhe an. Sie war
also schon 1 Stunde in der Ambulanz, bis ich gekommen bin. Macht also zusammen 5 1/4 Stunden. Ich will jetzt
nicht niederschreiben, was mir da durch den Kopf geht. Nur soviel: Der kranke Mensch ist Ware, wie ein Auto in der
Werkstatt. Vielleicht noch weniger wert.
Freitag
Samstag
Mama bekommt von den PflegernInnen und Schwestern eine erstklassige Behandlung. Alle mögen sie, auch weil sie hilflos ist und die Bewegungen schmerzen. Besser kann sie es nicht haben. Aber in dieser dritten Woche ist kaum eine sichtbare Besserung eingetreten und es ist / scheint unwahrscheinlich, daß diese noch eintreten wird. Aber wir geben die Hoffnung nicht ganz auf. Mama hat uns schon einige Male ganz schön verblüfft. Und sie ist noch nicht fertig mit dem Leben, was ihr Lächeln heute deutlich macht. Vielleicht werden es nur ganz kleine Schrittchen, einen nach dem anderen. Oder es ist der Beginn des Endstadiums. Noch können wir es nicht wissen. Der Operationstermin am kommenden Donnerstag zwingt zu einem Verbleiben im Krankenhaus, selbst wenn inzwischen ein Pflegeplatz frei wird. Diesen werden wir reservieren = bezahlen, wenn es soweit ist. M. muß für die Operation vorbereitet werden, die nötigen Untersuchungen müssen durchgeführt werden. Sie muß in der bestmöglichen Kondition sein, um überhaupt die Chance zu haben, danach nicht total ins Dunkel zu stürzen. Ich habe wirklich Angst vor diesem Tag. Aber erst muß sie am Donnerstag operationsfähig sein, was nicht unbedingt vorherzusehen ist. Montag
Mittwoch
Donnerstag
Eine Freundin meiner Nichte ist MTA und sagt ihr spontan, als sie die Geschichte hört: Sie wird ins Heim mitkommen und Kieferabdrücke machen und ihr Zahnarzt wird Provisorien anfertigen, die ohne Kaubelastung lange halten werden. Abwarten, ob dies noch einen Sinn haben wird.
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