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Unsere Mutter Anfang der '90er
20.Juli 1914 bis 24. Juli 1999
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Freitag, 2. Juli 1999, ist der erste Tag im Pflegeheim.
In den folgenden Tagen wechseln gute Momente / Perioden mit schlechten. Es gibt Tage, an denen M. die Augen nicht öffnet, obwohl sie auf unsere Anwesenheit, getrennt oder zusammen, reagiert hat. Dann kommen jene, an denen sie zwar deutlich wach ist und die Augen offen sind, der Blick aber nie auf uns fällt und die Reaktion auf uns nur sehr spärlich ist. Und es gibt auch gute und sehr gute Tage. Mir scheint es ein Drei-Tage-Rhytmus zu sein. Monika und ich haben M. bislang mit einer Ausnahme jeden Tag besucht. Immer etwa eine Stunde und wenn es sich gelohnt hat, auch länger. Es ist schlichtweg nicht möglich, M.s Zustand einzuschätzen.
Durch das Fehlen der Zähne ist ihr Sprechvermögen wieder fast
völlig verschwunden. Zähne brauchen wir nicht nur zum Kauen sondern
auch als Zungenbremse. Sind sie nicht mehr da, ist die Kontrolle der Zunge
- vor allem in M.s Zustand - nicht mehr gegeben. Und Monika hat das Gefühl,
dass M. äußerst unzufrieden und uns beleidigt ist:
Was M. sichtlich Freude bereitet, ist die Musik. Bei den ersten Tönen
der Ouvertüre zu Beethovens "Fidelio" zuckt sofort ein Lächeln
über ihr Gesicht. Gleiches beim "Fliegenden Holländer" und Anderem,
ihr seit langem bekannten. Heute habe ich ihr Verdis "Don Carlos" gespielt
und sie ist prompt nach knapp 10 Minuten eingeschlafen.
Ich habe die M-Files* gedruckt und der Station eine Kopie dagelassen. Wer vom Personal Lust hat, kann ja ein bißchen was über M. lesen. Und morgen kann ich sie beim Hausarzt brauchen. Das liebe Gedächtnis ............ Wir werden versuchen, auch die nächste Zeit M. täglich zu besuchen. Um ihr Abwechslung zu verschaffen, somit zu versuchen, daß sie uns nicht geistig gänzlich verläßt, was ohne genügend äußere Stimulation passieren kann, irgendwann sicher passieren wird. Und sei es nur, um ihr eine CD zu spielen. Wer meinen Mai-Text über M. liest, wird nicht glauben, was seitdem geschehen ist. Aber so ist diese Krankheit. * MFiles* ist eine Reminiszenz an die X-Files (= Akte X, Pro7). Niemand lächelt? Ein sehr guter Tag ist Samstag, der 10., gewesen.
Nun ist unsere Mutter seit über 2 Wochen im Pflegeheim und ich denke, es ist Zeit für eine vorläufige Bestandsaufnahme.
Wenn das Wetter es erlaubt, verbringen wir unsere Zeit im Garten. Es gibt viele schöne Plätzchen und wir sind ungestört. M. ist meistens ruhig bis auf ihr "wawawa...". Ich fahre jeden Tag zu ihr. Zwei- oder dreimal gehe ich aber schon bald wieder, da meine Anwesenheit nicht registriert wird. Am Dienstag, den 20. ist M.s 85er Geburtstag. Sie bekommt zwei wunderschöne Blumensträuße und dies scheint sie auch irgendwie zu verstehen. Alle gratulieren ihr, aber erst Schwester Karin, die für die Ernährung zuständig ist, gelingt es, M. ein Lachen zu entlocken. Weder Monika noch mir gelingt dies. Wir hören, daß durch die Antibiotika die Darmflora praktisch nicht mehr existiert. Darum auch der andauernde Durchfall. Der Hausarzt will etwas dagegen unternehmen. Am Freitag schneidet Monika ihr die Haare. Die Hausfrisörin ist noch zwei Wochen in Urlaub und ihre Haare sind einfach zu lang. Sie bekommt schon mit, um was es geht, bemüht sich auch den Kopf hoch zu halten. Dies funktioniert einige Minuten lang. Dann sinkt er auf die Brust, aber sie bleibt wach, schläft nicht ein. So vergehen eineinhalb Stunden und wir lassen sie im Aufenthaltsraum bei den anderen Insassinnen zurück. Samstag, 24.7.1999
Im Krankenhaus geht es sofort Richtung Lungenstation. Es ist eine schnelle Aufnahme, da ja ihre Daten im System gespeichert sind. Sie wird in ein Zimmer gebracht, damit ihr die Lunge abgesaugt werden kann. Der Arzt meint, in etwa eineinhalb Stunden wird er mir etwas über ihren Zustand sagen können. Wir sprechen über lebensverlängernde Maßnahmen, also die Intensivstation. Ich breche in Tränen aus und kann nicht sprechen, denn ich ahne das Ende. Nachdem es mir wieder möglich ist, sind wir uns einig, daß dies nicht in Frage kommt. Ich frage "Kann ich noch etwas tun?", er antwortet "Nein". "Gut", sage ich, "ich rufe dann an" und mache mich auf den Weg. Wenige Meter vor dem Ausgang holt mich die Schwester ein und sagt, "Kommen Sie bitte wieder zurück". Es ist soweit. Bei M. angekommen, sehe ich sie im Bett liegen, das Rückenteil hochgestellt, mit halb geschlossenen Augen und schwer atmend. Ihr Mund ist weit geöffnet, ihr Kinn zittert nur ganz leicht. Ich weiß sofort, daß das, was von ihr noch übrig ist, ganz weit weg ist. Ihr Kinn hat immer gezittert, nur im Schlaf nicht, wenn die Muskeln entspannt sind. Ich knie mich neben sie, nehme ihre Hand und schaffe es, den Arzt zu fragen: "Geht es zu Ende?" Er nickt. Mir kommen die Tränen, ich schluchze und es dauert, bis meine Stimme wieder funktioniert. Der Arzt zeigt mir einen Behälter, etwa zur Hälfte gefüllt (ein halber Liter). Er sagt, daß er diese Menge Eiter aus M.s Lungen abgesaugt hat: Eine infektiöse Lungenentzündung. Und schüttelt langsam den Kopf. Es ist etwa 14.45 Uhr. Ich setze mich neben M. auf das Bett, nehme ihre Hand, halte und streichle sie. Ich weine und kann dem Arzt, der mit mir spricht, um es für mich leichter zu machen, kaum antworten. Ich bemerke die rechte Hand des Arztes unter dem Nachthemd auf M.s Brust. Während die Minuten langsam vergehen, kann ich wieder sprechen. Wir reden miteinander, aber an unsere Worte kann ich mich nicht mehr erinnern. M.s Atmen ist schwächer und leiser geworden, das Röcheln ist fast weg. Ihre Augen haben sich weiter geschlossen. Nur das Rechte ist noch ein bißchen geöffnet. Meine Augen lassen nicht von ihrem Gesicht, ich versuche es mir einzuprägen, so wie es in den letzten Augenblicken aussieht: Mit den eingefallenen Wangen, dem leeren, offenstehenden Mund, den fast geschlossenen Augen. Es sieht fremd aus, erst wenn ich den Blick auf ihre Augenpartie richte, sehe ich wieder meine Mutter. Ein paar Minuten später zieht der Arzt die Hand weg und ich weiß,
ihr Herz hat aufgehört zu schlagen. Ihr Atmen ist immer schwächer
geworden, bis es letztendlich ganz aufgehört hat. Der Kopf ist nach
links gesunken und das rechte Auge ist immer noch einen kleinen Spalt geöffnet.
So wird es auch bleiben. Es ist sieben Minuten vor drei. Und die Welt bleibt
nicht stehen. Sie ist erlöst.
Ich halte weiter ihre Hand und lasse die Tränen laufen. Etwa fünf Minuten vergehen und ich habe mich wieder ein bißchen gefaßt. Wir müssen noch ein paar Formalitäten besprechen. Auch wenn ich mir jetzt nichts merken kann. Ein Wort über diesen Arzt, der meine Mutter und mich in diesen
letzten Minuten ihres Lebens begleitet hat. Er mag Mitte Dreißig
sein, strahlt große Ruhe und Gelassenheit aus. Mit seiner Art hat
er mir in diesen schwersten Momenten meines Lebens geholfen. Und er hilft
mir noch weiter.
Der Obduktionsbericht wird wohl das letzte Kapitel in diesem Text über meine Mutter und ihre Krankheit sein. |
Das AWO-Heim in Neubiberg erfüllt alle Hoffnungen. Wir müssen lernen, wie es in einem Pflegeheim zugeht, beobachten, versuchen, gemeinsam mit dem Pflegepersonal unserer Mutter das Bestmögliche zu bieten. Das Wilhelm-Hoegner-Haus ist vor etwa 10 Jahren erbaut worden und es ist ein Offenes Haus. Die Eingangstüren öffnen sich automatisch jedem, der sich nähert. Darum ist es für Weglaufgefährdete nicht geeignet. Die Insassen im 1. und 2. Stock müssen allerdings noch, wenn sie das Haus verlassen wollen
Wenn Sie, liebe/r LeserIn keine oder wenig Erfahrung mit Alzheimer haben, versuchen Sie einmal, diese alltäglichen Dinge mit der oben benutzten Brille zu sehen. Dann wird, so hoffe ich, klar, wie schwierig unser Leben ab einem gewissen Stadium der Krankheit ist. Irgendwann schrumpft die Aufmerksamkeitsphase und Konzentrationsfähigkeit auf wenige Sekunden zusammen. Wenn der Lift nach 30 Sekunden kommt, haben viele schon vergessen, daß sie den Rufknopf gedrückt hatten. Auch ich gehe in ein anderes Zimmer und dort angekommen, frage ich mich, was ich hier eigentlich will. Gut, ich habe mich selbst abgelenkt, weil ich auf dem Weg etwas anderes gesehen und getan habe. ????? Die Raumaufteilung ist so konzipiert, daß es keine langen, geraden Gänge gibt. Es ist kaum Weiß zu sehen, viele Pflanzen ziehen den Blick auf sich, sowie Bilder, Photographien, Texte. Fast in allen Ecken befinden sich Sitzgruppen, so daß immer ein freier Platz zu finden ist. Und der Blick wird nicht gelangweilt. Die Heimleiterin ist sehr sympathisch. Sie hat inzwischen die M-Files* gelesen und wird versuchen, daß die Pflegerinnen, die mit M. zu tun haben, dies auch tun werden; damit sie M. kennenlernen - wie sie einmal war und wie sie zu dem geworden ist, was sie heute ist. Viel zu selten, sagt sie, liegen biographische Informationen vor. Zu viele Alte haben keine, sich sorgenden Verwandte mehr und dann ist es sehr schwer, den Menschen zu verstehen. Unsere täglichen Besuche muß man auch so verstehen, daß dies allen mitteilt, daß es sich hier bei M. um eine alte, hilflose Frau handelt, die für ihre Kinder immer noch die Mutter ist, von diesen geliebt wird und sie sich um sie kümmern. Es sollte Interesse und Mitgefühl hervorrufen, mehr als die sehr willigen Kräfte routinemäßig fühlen. Zuviel Psychologie? Die Atmosphäre stimmt und unsere Mutter ist gut aufgehoben. |
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M.s Zimmergenossin, Frau D. ist in der Wanderphase und kann noch sprechen, wenn auch nicht oft. Es hat fast zwei Wochen gedauert, bis ich ihre Stimme gehört habe. Sie spaziert durch alle Räume, aber ohne irgend etwas zu tun oder zu nehmen. Sie wird immer wieder mal von einer Pflegerin gestoppt und Richtung Aufenthaltsraum dirigiert, wo sie sich auch hinsetzt. Bis sie wieder losläuft. Begonnen am 18., fortgesetzt und beendet am 25. Juli 1999.
![]() © by Werner Saumweber 1999 zum Teil 1 "bis Ende 1997" ø|ø zum Teil 2 "1998" ø|ø zum Teil 3 "bis Juni 1999" ø|ø Obduktionsbericht Back to Alzheimer's Disease Mainpage Zurück zur Hauptseite Alzheimer-Krankheit Zurück zur Homepage |